40 Leuchtturm / DFB-Kulturstiftung von Aufarbeitung, gar von Schuld noch nicht die Rede. Da- für gab es die immer gleichen Reaktionen. Wenn jemand erfahren habe, dass sie Jüdin sei, habe es gleich geheißen: »Meine Familie wusste nichts davon.« Zu Anfang, sagt Eva Szepesi, sei sie, wenn ihr auf der Straße ein Mann mit Stie- feln und Hund begegnet sei, panisch auf die andere Stra- ßenseite gewechselt. »Es war ein Gefühl, das ich mir erst selbst nicht erklären konnte. Es war dann wie damals mit den Peitschen und den Stiefeln.« Wie damals im Lager. Eva Szepesi hat lange nicht reden können über das, was ihr angetan wurde. Über die zunehmende Ausgren- zung, die Freunde, die zu Feinden wurden, die Flucht aus ihrer ungarischen Heimat in die Slowakei, die Trennung von ihrer Familie, die Entdeckung durch die Nationalsozialis- ten, die Deportation nach Auschwitz, die Selektion an der Rampe und die grausamen Bedingungen dort, über den Verlust der Eltern und des Bruders. Welche Worte wollten das Unsagbare beschreiben und welche Bilder das Trauma des Erlebten hervorrufen? »Es wurde darüber nicht gespro- chen«, sagt Anita Schwarz. »Ihre Nummer auf dem Arm war für mich selbstverständlich, die gehörte zu meiner Mutter, aber die Schwere war immer da und die toten Verwand- ten, die waren auch immer mit uns.« Erst, als sie aus An- lass des 50. Jahrestags der Befreiung gemeinsam mit ih- ren Töchtern Auschwitz besuchte, begann Eva Szepesi ihre Geschichte aufzuschreiben, zu erzählen und zu teilen, sehr oft mit jungen Menschen. Sie spricht nun für die, die nicht mehr sprechen können. Es ist ihr zur Lebensaufgabe ge- worden. Nach den Terrorangriffen der Hamas auf Ziele in Israel am 7. Oktober 2023 wurde sie von Veranstaltungen aus- geladen, weil man nicht für ihre Sicherheit habe garantie- ren können. Andere fanden unter Polizeischutz statt. Dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel nun auch in Deutschland wieder Angst haben müssen, schmerzt sie. »Meine Mutter wollte schon aufhören, in die Schulen zu gehen, weil sie gesagt hat, das bringt sowieso nichts«, sagt Anita Schwarz. »Und dann hat sie irgendwann wieder die Kraft gefunden und gesagt: Nein, wir machen weiter. Wenn ich nur einen erreiche, dann hat es sich schon gelohnt.« Am Ende von Vortrag und Diskussion blickt Eva Szepesi in die Gesichter der jungen Fußballer vor ihr. »Ihr tragt keine Schuld an dem, was damals passiert ist«, sagt sie. »Ihr habt nur die Verant- wortung für die Zukunft. Dafür, dass ihr oder eure Kinder so etwas Schlimmes niemals erleben.« Marc Heidenmann, der Trainer der Mainzer U 17, hat die Veranstaltung schweigend und aufmerksam verfolgt. »Mich hat sehr interessiert, wie sie auf die Menschen blickt, die ihr das angetan und die diese schrecklichen Taten be- gangen haben«, sagt er. »Ich spüre bei ihr so viel Herzlich- keit und Vergebung und zugleich so wenig Wut und Hass.« Er wünscht sich, dass die Worte und die Botschaften Eva Szepesis bei seinen Spielern Wirkung erzeugen, dass sie et- was machen mit ihnen. Fynn Wombacher spielt bei Mainz im Mittelfeld. »Ich war mal im KZ Buchenwald und habe da auch schon vieles erfahren, aber ein Gespräch mit einer Zeitzeugin hatte ich noch nicht erlebt. Ich fand es sehr in- teressant«, sagt er. »Es ist sehr wichtig, über dieses Thema zu sprechen und dass Menschen an diese Zeit erinnern und darüber aufklären.« Menschen wie Eva Szepesi. »Ich war mal im KZ Buchenwald und habe da auch schon vieles erfahren, aber ein Gespräch mit einer Zeitzeugin hatte ich noch nicht erlebt. Es ist sehr wichtig, über dieses Thema zu sprechen und dass Menschen an diese Zeit erinnern und dar- über aufklären.« FYNN WOMBACHER, MITTELFELDSPIELER, U 17, 1. FSV MAINZ 05 Überlebende des Holocaust beziehungsweise ihre Nach- kommen zu Gast am DFB-Campus, um mit den Spielern, Trainern und Betreuern der Mannschaften ins Gespräch zu kommen und eine unmissverständliche Botschaft des »Nie wieder!« zu Faschismus und Krieg zu setzen. In Vorträgen, Gesprächen und Workshops wurde über Vielfalt, Toleranz und Antidiskriminierung gesprochen, abends ging es zum Kabbalat Schabbat in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Dort lebt seit gut 70 Jahren auch Eva Szepesi. Ihr Mann hatte hier, im Land der Täter, eine Anstellung bekommen. Schicksal sei das, sagt sie. »Es war nicht geplant, es war nicht gewollt, es ist aber so gekommen.« Sie habe Angst gehabt, aber hassen könne sie nicht, dafür habe sie als Kind zu viel Liebe erfahren. In dem Deutschland, in das sie Mitte der 50er-Jahre kam, war von Auseinandersetzung,