Leuchtturm / DFB-Stiftung Egidius Braun
25 Jahre DFB-Stiftung Egidius Braun
Wie schaut ein Vater auf sein Kind, das mit 25 Jahren zwar schon seiner Obhut entwachsen sein könnte und doch noch so viel Weg vor sich hat in einer Welt, die uns zunehmend ängstigt? Verzagt und zweifelnd oder doch hoffnungsfroh und voller Stolz? Man würde das gerne erfahren von Egidius Braun, dessen nach ihm benannte und von ihm inspirierte Stiftung im Juli 2026 diesen Geburtstag feiert. Doch der Namensgeber ist nicht mehr unter uns, verstarb im März 2022 im biblischen Alter von 97 Jahren. Um eine Antwort zu erhalten, kann man Artikel und Bilanzen lesen und Fakten aneinanderreihen oder einfach mal mit Menschen sprechen, die von Anfang an dabei waren und wissen, wie er dachte und wie er war.
Wolfgang Watzke ist so jemand, schließlich war er der erste Geschäftsführer der Stiftung. Sie kannten sich vom Fußballverband Mittelrhein – Braun der Präsident, Watzke sein Jugendreferent. Schon dort lebte Braun das vor, was damals noch beim DFB hinter vorgehaltener Hand als »sozialer Kram« belächelt wurde. Er führte schon vor 50 Jahren ein, dass die Sportschule Hennef für alle rund 1.000 Vereine des Landesverbands offen war und lud jeden Sommer Jugendmannschaften zu Freizeiten ein. »Die Sportschule gehört allen«, sagte Braun.
Als er 1992 DFB-Präsident wurde, gab es schon ein Jahr später die Fußballfreizeiten. Bis heute kommen jährlich rund 1.000 Jugendliche aus 75 Fußballvereinen im Sommer bei 18 Ferienfreizeiten in verschiedenen Sportschulen des Landes zusammen und spielen nicht nur Fußball mit Bundesligastars, sondern diskutieren auch mit Politikern wie Volker Bouffier über Werte wie Demokratie und Gleichberechtigung. »Die Freizeiten sind nach unserem Verständnis besondere außerschulische Lernorte«, unterstreicht der Vorsitzende der DFB-Stiftung Egidius Braun, DFB-Vizepräsident Ralph-Uwe Schaffert. Das ist ganz im Geiste von Brauns Credo, dass Fußball »mehr als ein 1:0« ist. In seiner Amtszeit »hat sich der DFB unumkehrbar verändert«, betont Watzke heute stolz.
Vom Benefizspiel zur Institution
Es gab noch vor Stiftungserrichtung zu den verschiedensten Anlässen Projekte und spontane Initiativen wie ein Benefizspiel für die Opfer des schrecklichen von Neonazis begangenen Brandanschlags von Solingen 1993 in Augsburg oder Unterstützung für Jugendliche in Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Schon seit 1986 engagiert sich der DFB für die Mexico-Hilfe, geboren nach einem Besuch der WM-Delegation in einem Waisenhaus in Querétaro. Egidius Braun gab damals vor Ort den Startschuss.
Ein besonderes Anliegen der Ära Braun war die Kampagne »Keine Macht den Drogen«. All diese Projekte waren mit der Person Egidius Braun verbunden, um dessen Gesundheit es um die Jahrtausendwende nicht mehr zum Besten stand. Die Frage, »Was machen wir, wenn er nicht mehr unter uns ist?«, trieb seine Mitstreiter um. »Es galt also, das alles zu institutionalisieren«, erklärt Watzke. Im Jahr 2000 waren letzte Hürden übersprungen, der DFB-Sportförderverein e. V. wurde in die DFB-Stiftung Egidius Braun überführt. Maßgeblichen Anteil daran hatte der damalige DFB-Schatzmeister Dr. Theo Zwanziger. Watzke: »Seine Überzeugungskraft machte es möglich.« Im April 2001 endete Brauns Amtszeit als DFB-Präsident, doch sein Name verschwand nicht aus der Öffentlichkeit, zu präsent waren die nun geborene Stiftung mit seinem Namen und vor allem Brauns Popularität.
»Fußball – mehr als ein 1:0.«
EGIDIUS BRAUN
Die Stiftung nimmt Fahrt auf
Erster Sitz war im Kölner Süden, wo Watzke beim Fußballverband Mittelrhein sein Büro in der Kleingedankstraße hatte. Er kam mit zwei festen Mitarbeitern, ein Mann und eine Frau, aus. Im September 2013 erfolgte der Umzug auf das Gelände der Sportschule Hennef. Im April 2017 ging Watzke in Rente. Tobias Wrzesinski wurde sein Nachfolger und ist es auch nach dem Umzug der Stiftungen am 1. Juli 2025 in den DFB-Campus in Frankfurt. »Durch den Umzug sind wir auch räumlich unter dem Dach des DFB und seinem Campus angekommen. Wir fühlen uns wohl, sind freundlich empfangen worden und freuen uns jeden Tag über den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen anderer Fachbereiche«, erklärt Wrzesinski.
Wachstum, Wirkung und Wandel
Zu tun gibt es unverändert viel und es gibt zum Glück viele im deutschen Fußball, die Gutes tun wollen. Der Vorstand umfasst vier Personen. Neben Ralph-Uwe Schaffert und Tobias Wrzesinski zählen Schatzmeister Stephan Grunwald und DFB-Ehrenmitglied Alfred Vianden dazu. Das Kuratorium wurde von einst 20 auf mittlerweile 25 Persönlichkeiten ausgeweitet. Brauns Sohn Ferdy vertritt die Familie und den verstorbenen Vater. Die Stiftungsarbeit war gerade in den letzten Jahren von gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt. »Wir fragen uns oft, was können wir für den Fußball und die Gesellschaft tun. Dabei unterstützen wir Fußballvereine bei den an sie gerichteten Herausforderungen. Zum Beispiel in Bezug auf Menschen mit Fluchterfahrung«, beschreibt Tobias Wrzesinski. So wurden bis heute unter anderem mit den Initiativen »1:0« und »2:0 für ein Willkommen« rund 4.000 Förderanträge bewilligt. Man geht mit der Zeit und knüpft ein immer dichteres Netz an Beziehungen. Im Jahr 2021 wurde ein Podcast-Format entwickelt, eine neue Webseite mit den anderen beiden DFB-Stiftungen installiert, gleiches bei Social Media. 2022 wurde gemeinsam mit privaten Stiftungen, wie beispielsweise denen von Franz Beckenbauer oder Manuel Neuer, der gemeinnützige Verein »Fußball stiftet Zukunft e. V.« gegründet. Ziel: das Wirken der bundesdeutschen Fußball-Stiftungen insgesamt sichtbarer zu machen. Zudem gemeinsame Projekte zu realisieren – immer dort, wo es sinnvoll ist.
»Die Vita Egidius Brauns zeigt eindrucksvoll, welchen Weg man mit Fleiß und langjährigem Engagement in der ehrenamtlich geprägten Sportlandschaft gehen kann.«
RALPH-UWE SCHAFFERT, VORSITZENDER DER DFB-STIFTUNG EGIDIUS BRAUN
Finanzierung auf vielen Schultern
Seit dem ersten Tag finanziert sich die DFB-Stiftung Egidius Braun aus Spenden und Erlösen. Wenn Nationalspieler ihr Abschiedsspiel gaben, insbesondere aus dem Kreis der Teilnehmer an der WM 1986 in Mexiko, wie etwa Lothar Matthäus, Karl-Heinz Förster oder Rudi Völler, flossen Gelder in die Stiftung.
»Er hat stets vorgelebt, was eigentlich selbstverständlich, was uns allen doch eigentlich von Natur aus gegeben sein sollte: menschlich zu sein.«
BERND NEUENDORF, DFB-PRÄSIDENT
Als Grundlage hatte sich der DFB etwas Besonderes ausgedacht: Regelmäßig alle zwei Jahre – beispielsweise vor großen Turnieren – gab es vor der Abreise ein letztes Testspiel, stets gegen leichte Gegner in vergleichsweise kleinen Stadien. Veranstalterin der Partien war die DFB-Stiftung Egidius Braun. Dieses sogenannte »Benefizländerspiel« war weltweit einzigartig. Der Ertrag des Spiels kam der Stiftung zugute. Sie begünstigte damit auch andere DFB-nahe Stiftungen. Durch die Einführung der Nations League und die strikten Vorgaben der UEFA, bedauert Watzke, findet sich für derartige Spiele kein Termin mehr: »Die Botschaft an die kleinen Vereine, dass ein Manuel Neuer für sie gespielt hat, die entfällt jetzt.«
Gelder fließen trotzdem weiter vom Verband in die Stiftung. Die Zuwendungen des DFB waren stets stabil – auch während der Corona-Pandemie. Das zeigt, welche Bedeutung (auch finanziell) das Stiftungswirken für den DFB und das Präsidium um Bernd Neuendorf hat.
Im ersten Jahr 2001 hatte die Stiftung noch Aufwendungen in Höhe von 254.445,17 Euro, heute sind es im Schnitt 3,05 Millionen Euro. Ein Posten sticht aus der Bilanz heraus: 2022 wurden 11.808.439,77 Euro aufgewendet. Ursache war der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Stiftung hatte schon von Beginn an Bildungsprojekte für Jugendliche in der Ukraine, nun herrschte auch Bedarf an Fürsorge und quasi erster Hilfe. Und weil so viele, die den Bomben entfliehen wollten, nach Deutschland kamen, unterstützte die Stiftung bis heute rund 600 Fußballvereine finanziell dabei, dass sie ukrainische Kinder und Jugendliche integrieren. Beim Helfen helfen, das war ganz im Geiste von Egidius Braun.
Und das geschieht unentwegt. Zu der ihm gewidmeten Stiftung gehören aktuell fünf Treuhandstiftungen und ihre Strahlkraft ist so groß, dass auch andere Stiftungen ihr Spenden anvertrauen. So übergab die Dietmar Hopp Stiftung im Jahr des Ukraine-Kriegs allein eine Million Euro.
Was bleibt – und was kommt?
Wie lautet nun die Bilanz nach 25 Jahren? Watzke freut sich über den Nachweis dafür, dass »im Fußball Dinge umgesetzt worden sind, wo sich die Gesellschaft noch schwer tut«. Quasi ein 1:0 für den Fußball, Torschütze Braun.
Tobias Wrzesinski schaut zurück und auch voraus: »Das Stiftungswirken hat sich in den letzten Jahren auch bedingt durch gesellschaftliche Entwicklungen verändert. Wir mussten unser Engagement für Menschen mit Fluchterfahrungen ausweiten, es gab die Corona-Pandemie. Wir durften für Freunde Treuhandstiftungen gestalten und verwalten. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde ausgeweitet, unser Team hat sich weiterentwickelt. Wir sind zufrieden, ruhen uns aber nicht aus. Die nächsten 25 Jahre liegen vor uns. Wir sind bereit.« Oder anders ausgedrückt: Fußball war, ist und bleibt mehr als ein 1:0.