Leuchtturm / DFB-Kulturstiftung
Lesen mit Kick
Mithilfe des Fußballs die Lesebegeisterung von Kindern und Jugendlichen fördern. Das ist das Ziel des »Lese-Kickers«. Alle zwei Jahre ermittelt der Wettbewerb aus den vielen Neuerscheinungen das beste Fußball-Kinder- und Jugendbuch des Jahres. Möglich macht das eine Jury aus über 3.000 jungen Leserinnen und Lesern.
Kinder- und Jugendbücher rund um das Thema Fußball gibt es viele und jedes Jahr erscheinen neue. Doch welche sind die besten? Das können vor allem die beurteilen, die die Bücher letztlich lesen: die Kinder und Jugendlichen selbst. Deshalb begeben sich beim »Lese-Kicker«, dem zweijährlich ausgeschriebenen Wettbewerb der DFB-Kulturstiftung mit Unterstützung der LitCam gGmbH, 150 Schulklassen aus ganz Deutschland auf die Suche nach dem besten Fußball-Kinderbuch sowie Fußball-Jugendbuch. Als Teil einer riesigen Jury beschäftigen sie sich im Rahmen von speziellen Unterrichtswochen in der Gruppe intensiv mit den Büchern. Und sie stimmen neben einer prominent besetzten Erwachsenen-Jury aus Kultur und Fußball am Ende selbst über die Platzierungen der jeweils fünf pro Kategorie nominierten Titel ab und küren den »Lese-Kicker 2025«.
Vor allem in der Kategorie »Bestes Fußball-Kinderbuch« für die dritten und vierten Klassen ist die Vielfältigkeit der Bücher in diesem Jahr groß. Sie reicht von leichten Erzählungen über Detektivgeschichten bis hin zu einfachen Sachbüchern über Fairplay im Fußball, die zeigen: Fußball ist für alle da. Doch wie arbeiten die Kinder und Jugendlichen in der Jury? Um diese Frage zu beantworten, besuchte die DFB-Kulturstiftung die 4c der Walter-Kolb-Schule in Frankfurt-Sossenheim, die im Frühjahr 2025 Teil der Kinder-Jury ist.
Zu Besuch in der Walter-Kolb-Schule
Die Klassenlehrerin, Petra Walz, kennt die Schwierigkeit, Kinder zum Lesen zu motivieren und damit der sinkenden Lesekompetenz entgegenzuwirken: »Ich habe Kinder in der Klasse, die zu Hause nie ein Buch lesen.« Genau hier setzt der »Lese-Kicker« an und bietet Kindern und Jugendlichen über Fußball einen Zugang zum Lesen und zu Büchern. Damit die 4c ein fundiertes Urteil über die Shortlist-Bücher abgeben kann, müssen die Bücher natürlich alle kennen. Also führt die Klasse eine Lese-Woche durch, für die spezielles pädagogisches Begleitmaterial zur Verfügung gestellt wird. Verteilt über mehrere Wochen lesen die Schülerinnen und Schüler die Bücher in Gruppen, füllen ein Lesetagebuch aus, sprechen über die Inhalte und bearbeiten weiterführende Aufgaben. »Das Lesen und arbeiten in der Gruppe fördert den Teamgedanken. Auch das motiviert die Kinder«, erklärt Frau Walz.
Ein Blick in die Klasse zeigt: Die Kinder-Jury nimmt ihre Aufgabe ernst und ist mit voller Konzentration dabei. Reihum liest ein Mitglied der Gruppe – jeweils vier bis fünf Kinder – aus ihrem Buch vor. Die anderen Gruppenmitglieder hören aufmerksam zu, helfen sich bei Verständnisfragen und tauchen in eine Welt ein, die ihnen häufig verborgen bleibt. Wie gut das funktioniert, erzählt eine Schülerin: »Wir lesen miteinander, reden darüber und dann verstehen wir es besser.« Das führt dazu, dass auch Kinder, die sonst nicht lesen, Spaß an den Büchern haben.
Mit Sport im Generellen und Fußball im Speziellen könne man viele Kinder abholen, sagt Petra Walz, und ist überzeugt: »Solche Projekte fördern die Begeisterung fürs Lesen«, die in der Klasse zu spüren ist. Und das ist wichtig: Denn die Lesekompetenz, so aktuelle Studien, sinkt zunehmend. 25 Prozent der Kinder in der vierten Klasse haben Probleme mit dem Lesen – vor allem Jungs. Gerade sie möchte der »Lese-Kicker« über ihre Begeisterung für Fußball ansprechen. Aber auch Kindern, die keine Fußballfans sind, gefallen die Bücher: »In den Büchern geht es nicht nur um Fußball« und die Geschichten, Figuren und Bilder sind »spannend und cool«. Während der Lesephasen herrscht eine fokussierte Stimmung, die Frau Walz so von ihrer Klasse kaum kennt. Damit hat sie am Anfang nicht gerechnet, weil der Geräuschpegel durch die Gruppenarbeit relativ hoch ist. Trotzdem lenken sich die Gruppen nicht gegenseitig ab und bleiben bei ihrem Buch. Mehr noch: Sie fragen sich gegenseitig »Was ist gerade in unserem Buch passiert?« und lenken die Aufmerksamkeit bewusst auf ihr Buch – beispielsweise durch Ankündigen wie »Oha Leute, jetzt wird es spannend«.
»25 Prozent der Viertklässler*innen haben Probleme mit dem Lesen – vor allem Jungs. Gerade sie möchte der ›Lese-Kicker‹ über ihre Begeisterung für Fußball ansprechen.«
Auch mit der Schwierigkeit, dass nicht jedes Kind ein Buch hat, geht die 4c gut um. Die meisten Gruppen setzen sich so hin, dass alle Mitglieder in das Buch schauen können. Trotzdem wünschen sich die Kinder eigene Exemplare, damit sie die Bücher zu Hause weiterlesen und ihren Geschwistern vorlesen können. Gelegentlich sind die Kinder auch mal verunsichert, beispielsweise wenn schlimme Worte verwendet werden. Dann greift die Klassenlehrerin ein und erarbeitet gemeinsam mit der Gruppe die Bedeutung der Wörter. Die Kinder finden aber auch eigene, gute Lösungen, indem sie »das schlimme Wort durch andere Wörter ersetzen oder auslassen«, schildert eine Schülerin.
Am Ende der Lese-Woche erstellen die Gruppen Poster über ihr Buch und stellen es der Klasse vor. So kennen nicht nur alle Kinder die »Lese-Kicker«-Shortlist, sondern verbessern auch das Präsentieren vor anderen. Auf dieser Basis kann die Kinder-Jury ein fundiertes Urteil abgeben und wählt ihr persönliches Gewinnerbuch.
»Das Buch war das erste Buch, das ich von Anfang bis Ende selbst gelesen habe.«
VIERTKLÄSSLER DER WALTER-KOLB-SCHULE, FRANKFURT-SOSSENHEIM
»And the winner is …« – Preisverleihung am DFB-Campus
Welches Fußball-Kinderbuch sowie Fußball-Jugendbuch die Auszeichnungen »Lese-Kicker 2025« erhalten, wird schließlich bei der großen Preisverleihung am 6. Mai auf dem DFB-Campus in Frankfurt bekannt gegeben. Mit dabei und voller Vorfreude ist auch die 4c der Walter-Kolb-Schule. Die meisten Kinder sind sich sicher: Gewinnen wird das Buch, das sie in ihrer Gruppe gelesen haben. Wobei ein Schüler zweifelt: »Um das zu wissen, muss ich doch erst mal noch alle anderen Bücher lesen.«
Bevor das große Geheimnis gelüftet wird, steht aber zunächst einmal Bewegung auf dem Programm. Gemeinsam mit zwei weiteren Frankfurter Schulklassen, die zur Preisverleihung eingeladen sind, dürfen die Kinder in der riesigen Fußballhalle am DFB-Campus selbst über den Kunstrasen jagen. Später staunen sie vor den gläsernen Vitrinen über die vielen goldenen und silbernen Pokale, die für die richtig großen Fußballerinnen und Fußballer dieser Welt bestimmt sind: die Meisterschale, den DFB-Pokal und sogar den FIFA World Cup (ehrlicherweise eine von der FIFA eigens angefertigte und originalgetreue Replik), den Kapitän Philipp Lahm 2014 für das Weltmeister-Team in Rio in Empfang nehmen durfte. Ein echter Selfie-Hotspot.
Ein bisschen weniger glänzend, aber nicht weniger schön, sind die Trophäen für die Gewinner des »Lese-Kickers 2025«, die schon im großen Pressekonferenzraum warten. Hier, wo sonst die offiziellen Pressekonferenzen von Nagelsmann, Wück und Co. stattfinden, ist heute alles für die feierliche Preisverleihung vorbereitet. Neben den drei Frankfurter Schulklassen begrüßen KiKA-Moderator Tim Gailus und DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich wenig später die nominierten Autorinnen und Autoren, einigeIllustratorinnen und Illustratoren, Verlagsvertretende, die Mitglieder der Erwachsenen-Jury und weitere prominente Personen. Celia Šašić, 111-fache Nationalspielerin, Mutter zweier Kinder, DFB-Vizepräsidentin und Kuratorin der DFB-Kulturstiftung, sowie Karin Plötz, Direktorin der LitCam, repräsentieren den Träger bzw. Kooperationspartner des Wettbewerbs. Warum sich die DFB-Kulturstiftung für die Leseförderung einsetzt, erzählt Celia Šašić auf der Bühne: »Lesen ist superwichtig. Man muss aber das Richtige lesen, um die Begeisterung zu wecken. Fußball eignet sich dafür hervorragend.« Dem stimmt Nia Künzer, WM-Siegtorschützin 2003 und DFB-Sportdirektorin für Frauenfußball, zu: »Lesen hilft Kindern, Fantasien zu entwickeln, Meinungen zu bilden und Perspektiven einzunehmen. Ich bin überzeugt, dass Lesen bei der Persönlichkeitsentwicklung unterstützt.«
Anna Dreher und Andreas Schlüter gewinnen!
Anschließend öffnet sie den im Hollywood-Stil vorbereiteten Umschlag, der den Namen der Siegerin im Wettbewerb um das beste Fußball-Jugendbuch beinhaltet. Spannung im Saal, dann Jubel: Der »Lese-Kicker 2025« geht an Anna Dreher für ihr im Verlag Die Werkstatt erschienenes Buch »Lena Oberdorf: Das große Fanbuch«. Das gemeinsam mit der Nationalspielerin geschriebene Buch gibt Einblicke in prägende Momente mit großen Erfolgen und heftigen Rückschlägen »einer der besten Fußballerinnen Deutschlands, einer der besten Mittelfeldspielerinnen weltweit«. Sie möchte, so die Preisträgerin stolz mit der »Lese-Kicker«-Figur in der Hand, »durch die Art und Weise, wie Lena über den Fußball nachdenkt und wie sie ihren Weg dort gegangen ist«, Kinder und Jugendliche inspirieren.
Kurz darauf steigt noch einmal die Spannung bei der Klasse 4c, als der Gewinnerumschlag für »ihren« Wettbewerb, das beste Fußball-Kinderbuch, auf der Bühne geöffnet wird. Glücksfee des Wettbewerbs ist wiederum eine prominente Nationalspielerin, nämlich Pia-Sophie Wolter von der benachbarten Frankfurter Eintracht: And the winner is: »Die Pausenkicker. Elfmeter für die Nachbarschule« von Andreas Schlüter. An seiner Stelle nimmt Illustrator Raimund Frey die Trophäe für das im Verlag Fischer Sauerländer erschienene Buch der beliebten »Pausenkicker«-Reihe entgegen. Und freut sich über die Begründung der Jurorin Pia-Sophie Wolter, die für die »Pausenkicker« hervorhebt, dass »die gesamte Klasse in der Pause Fußball spielt, unabhängig von Begabung und Können. Dadurch zeigen sich bisher verborgene Talente und Stärken, die Teamgeist, Fairness, Respekt und Zusammenhalt fördern.«
»Tatsächlich hat auch mein persönliches Gewinnerbuch gewonnen«, freut sich Wolter über die Entscheidung der Jury. »Ich konnte sehr gut die Parallele zu meiner eigenen Kindheit herstellen.« Gemeinsam mit ihrem Vereinskollegen Timothy Chandler ist Wolter eine der Botschafterinnen des »Lese-Kickers« und zudem Mitglied in der Erwachsenen-Jury, und die Begeisterung ist groß, als beide über ihre ganz persönliche Lese- und Fußballerfahrungen berichten. Und so ist nach den Schlussworten von Moderator Tim Gailus für die Schülerinnen und Schüler kein Halten mehr, denn jeder will natürlich noch möglichst viele Selfies und Autogramme der versammelten Fußballpromis mit nach Hause nehmen. Eine gute Stunde später, nachdem die letzte Jacke und der letzte Schulranzen wiedergefunden worden sind, verlassen viele glückliche und hoffentlich einige neu gewonnene Lese-Kickerinnen und -Kicker den DFB-Campus.
Und so bestätigt auch die Preisverleihung wie der gesamte »Lese-Kicker« das überwiegende Urteil von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften: »Solche Projekte fördern die Begeisterung fürs Lesen.« Dafür steht stellvertretend die stolze Aussage eines fußballbegeisterten Schülers: »Das Buch war das erste Buch, das ich von Anfang bis Ende selbst gelesen habe.«