Leuchtturm / DFB-Stiftung Egidius Braun
40 Jahre Mexico-Hilfe
Das Gespräch im DFB-Campus mit Weltmeister Rudi Völler fand am 12. Dezember 2025 statt. An diesem Tag feierte das Waisenhaus Casa de Cuna in Querétaro, über das wir mit ihm sprechen wollten, seinen 81. Geburtstag. Ein schöner Zufall als Rahmen für ein ebenso schönes wie wichtiges Thema, das dem Sportdirektor der A-Nationalmannschaft am Herzen liegt. Denn dass das Waisenhaus noch existiert, ist Resultat der Mexico-Hilfe, die 2026 ihren 40. Geburtstag feiert und vor 25 Jahren zur Keimzelle der DFB-Stiftung Egidius Braun wurde. Sie ist wahrlich eine Erfolgsgeschichte und Ausweis der Kraft des Fußballs und seiner Protagonisten wie Völler, der aber zu Recht einen anderen Mann in den Vordergrund stellt: »Wenn Egidius Braun nicht Präsident geworden wäre, hätte es das alles nicht gegeben. Er war das Zugpferd, der Antreiber, der Motor, der sagte: ›Komm, da müssen wir was machen als DFB.‹«
Völler jedenfalls war der erste Spender – 5.000 DM übergab der damals 26-Jährige an das Waisenhaus, mehr als eine Siegprämie bei Werder Bremen. Dabei war er eigentlich nach Mexiko gekommen, um Fußball zu spielen und für Deutschland Tore zu schießen – bei der WM. Doch für Delegationsleiter Braun, damals Schatzmeister des DFB, war Fußball schon immer mehr als ein 1:0 und schon vor dem Abflug stand fest, dass es in Mexiko ein Rahmenprogramm geben werde. Der Besuch der deutsch-mexikanischen Schule in Querétaro, auf die damals 150 Kinder gingen, gehörte dazu. Der gesamte Kader um Teamchef Franz Beckenbauer nahm an dem Ausflug teil, das war Pflicht und der Direktor sprach vom »stolzesten Tag in der Geschichte« seiner Schule. Die Presse war dabei an jenem 2. Juni 1986, es wurden schöne Bilder geschossen mit kleinen Kindern in Lederhosen und hinterher stand in den Zeitungen zu lesen, dass der DFB für zehn besonders begabte, aber auch bedürftige, Schüler das monatliche Schulgeld übernehmen würde. Umgerechnet 100 DM – bis zum Ende der Ausbildung, »da kommt ein schönes Sümmchen zusammen«, lobte die Süddeutsche Zeitung.
Es war schon die dritte gute Tat in der ersten Woche in Mexiko nach einer Spende für ein Kinderhospital in Morelia (25.000 DM) und für ein Altenheim in Querétaro (4.000 DM). Die Mexico-Hilfe begann also schon, bevor sie ihren Namen bekam.
Dann klopfte eines Tages Ordensschwester Adela Rodriguez Pinon an das Tor des DFB-Quartiers »Mansion Galindo« und verlangte energisch Gehör. Sie wurde vorgelassen und Braun erklärte sich bereit, sich ihr Waisenhaus, besagte Casa de Cuna, anzusehen. Nun war die Delegation kleiner, diesmal war es keine Pflicht. Der Torwart von 1986, Harald »Toni« Schumacher, erinnert sich: »Es wurde gefragt, wer Lust hat, da mitzukommen. Ich kann mich nur an Rudi und mich erinnern. Ich war froh, mal rauszukommen, und bin ja damals mit Braun auch sonntags immer in die Messe gegangen.« Franz Beckenbauer und Felix Magath waren auch dabei und was sie da sahen, nennt Völler damals wie heute »einen erbärmlichen Zustand. Man hatte das Gefühl, das Waisenhaus platzt aus allen Nähten«. Überbelegt und unterirdisch ausgestattet. Verängstigt wirkende Kinder hockten in kaum möblierten Räumen, zu wenige Betten, manche ohne Bettzeug, den Babys dienten Apfelsinenkisten als Lagerstatt, Pappe ersetzte Fensterglas, Spielzeug war beschädigt und das Essen immer gleich: Tortillas mit Bohnen. Beckenbauer sagte: »Wir sahen katastrophale Zustände. So was kennt man in Deutschland nicht.«
Sichtlich beeindruckt traten die Gäste die knapp halbstündige Rückreise an. Völler: »Es ist ein großer Unterschied, ob man so was im Fernsehen sieht oder ob man vor Ort ist und so einen Kleinen auf den Arm nimmt.«
Wenige Wochen später verließen sie als Vize-Weltmeister das Land, ließen sich auf dem Frankfurter Römer feiern und hätten alles allmählich vergessen können. Das Leben ging ja weiter und dass es irgendwo auf der Welt immer Elend geben wird, das war eben so. Was kann der Fußball da schon tun?
Doch Egidius Braun fand sich nicht damit ab und füllte seine Haltung (»Wir sind nicht nur hier, um etwas mitzunehmen. Wir wollen auch etwas da lassen.«) mit Inhalt – schon lange, bevor er 1992 DFB-Präsident wurde. Die Mexico-Hilfe wurde noch 1986 gegründet, zunächst war sie ein Sonderkonto der Sepp-Herberger-Stiftung.
In sie flossen Einnahmen aus Benefiz- und Abschiedsspielen und es gab feste Einrichtungen, die sich auf alle Bereiche des DFB-Kosmos erstreckten. Schiedsrichter überwiesen die Spesen des ersten Saisonspiels, in Vereinslokalen standen Spendenbüchsen und selbst Gewinne aus Hallenkreismeisterschaften von Kindern gingen an die Mexico-Hilfe. Nicht zufällig waren Vereine aus Brauns Heimatverband oft ganz vorne dabei. Seit 1989 etwa veranstaltet Brauns Heimatverein, der SV Breinig in Stolberg bei Aachen, alljährlich ein Jugendturnier zu diesem Zweck. Auf Gut Kambach in Eschweiler wird gegolft.
Ihre Strahlkraft ist mittlerweile so groß, dass sie zur Erbin wird. Peter Muckel hinterließ der Mexico-Hilfe 2021 seinen Nachlass.
Bei den Spielern von 1986 ist ein besonderes Bewusstsein dafür entstanden, zu geben, was sie im Überfluss haben. Völler: »Ich habe viele Honorare von Veranstaltungen, zu denen ich eingeladen war, in die Mexico-Hilfe gegeben, das war für mich immer klar. Auch bei meinem Abschiedsspiel habe ich einen relativ großen Betrag gegeben. Wenn Du die handelnden Organisationen kennst, weißt Du genau, das kommt an.«
So ging Pierre Littbarski im Kreis der Nationalspieler »mit dem Hut herum«, wie es im DFB-Journal von 1989 hieß, und sammelte eifrig 100-Mark-Scheine für die Mexico-Hilfe ein. Schumacher bestätigt die Geschichte witzelnd, »bei ihm glaube ich auch, dass er das Geld weitergegeben hat«.
Schumacher und Völler stehen bis heute in der Mannschaft, zu der auch viele Frauen gehören, die seit 40 Jahren Spiele für die Mexico-Hilfe gewinnt – die beiden sind Kuratoriumsmitglieder der DFB-Stiftung Egidius Braun.
»Es ist großartig, hier vor Ort zu sehen, welch wertvolle Arbeit geleistet wird.«
OLIVER BIERHOFF
Völler sagt augenzwinkernd: »Ich fand es als selbstverständlich, mich da so zu engagieren. Wenn es in Leverkusen irgendwelche Geldstrafen gibt, dann habe ich in meiner Funktion als Sportdirektor die Spieler oder deren Berater davon überzeugt, dass das der Ort wäre, wo ihr Geld gut aufgehoben ist.« Fünf- oder sechsmal sei er seitdem wieder im seinerzeitigen Waisenhaus, das heute eine moderne Kindertagesstätte ist, gewesen, zuletzt 2022, und erfreute sich der grandiosen Fortschritte. Kein Kind liegt mehr in Apfelsinenkisten, alle tragen sie saubere Uniformen und erfreuen sich eines schönen Spielplatzes im Hof. Für gute Ernährung und ärztliche Betreuung ist gesorgt und manches Kind von einst ist heute ein junger Mensch mit Hochschulabschluss und »das zu sehen, erfreut einen natürlich besonders«, bekennt Völler. Weit über 10.000 Kinder profitierten seit 1986 von der Mexico-Hilfe, die auch Besuche in Deutschland beinhaltete.
Stiftungsstatthalter vor Ort war das Ehepaar Bauer. Der verstorbene ehemalige deutsche Honorarkonsul Christoph Bauer überzeugte sich in Querétaro regelmäßig vom Fortgang der Dinge und sah nur glückliche Kinder: »Das Strahlen in ihren Gesichtern war unbezahlbar.«
Davon wird sich eine DFB-Delegation um Präsident Bernd Neuendorf und natürlich Völler, so ist es fest geplant, im Umfeld der kommenden WM überzeugen wollen. Im Idealfall ergibt sich schon während der WM ein »Mexicomeback«.
Längst ist die Mexico-Hilfe mehr als eine WM-Initiative geworden. Im Laufe der Zeit kamen immer wieder Projekte hinzu, auch wenn nicht alle – wie etwa eine vom Ehepaar Bierhoff finanzierte Berufsschule – Bestand hatten, weil Mexiko zwar kein Entwicklungsland mehr ist, aber leider eines der gefährlichsten Länder der Welt.
Umso wichtiger, dass in Bildung investiert wird. Mit Fußball, das betont der Geschäftsführer der Stiftung, Tobias Wrzesinski, haben die Projekte bis heute nichts zu tun. Weder das Schulzentrum La Barranca in Guadalajara noch die Projekte in Mexiko-Stadt, um nur einige zu nennen: »Es geht immer um Bildung, sie ist der Schlüssel«, sagt Wrzesinski. Das gilt heute wie vor 40 Jahren.