Leuchtturm/DFB-Stiftung Sepp Herberger

Die zweite Chance: Resozialisierung seit 56 Jahren

1970 hat Sepp Herberger erstmals eine Haftanstalt besucht. Die Eindrücke, die der Weltmeister-Trainer von 1954 vor genau 56 Jahren in der JVA im baden-württembergischen Bruchsal sammelte, waren so prägend, dass er das Thema Resozialisierung dauerhaft in der Stiftung, die seine Rechtsnachfolgerin ist, verankerte. Die Arbeit in Haftanstalten wurde für ihn zu einer Lebensaufgabe – und dieses Engagement lebt bis heute weiter. Auch 2025 haben zahlreiche prominente Fußball-Persönlichkeiten die Stiftungsarbeit unterstützt. Im persönlichen Gespräch mit den Inhaftierten informieren sie sich über deren Lebenswege, hören zu, geben Orientierung und berichten von ihren eigenen Erfahrungen.

 

Otto Rehhagel ist eine Legende des deutschen Fußballs. Und einer, der nie vergessen hat, wo er herkommt. Seit fast zwei Jahrzehnten engagiert sich der heute 87-Jährige als Kuratoriumsmitglied der DFB-Stiftung Sepp Herberger. Vor allem die Resozialisierung von Strafgefangenen liegt ihm besonders am Herzen. Er führt damit das fort, was Sepp Herberger vor 56 Jahren begonnen hat.

 

Rehhagel hat viel erlebt: als Kind den Zweiten Weltkrieg, als Jugendlicher das »Wunder von Bern« – verfolgt in einer Essener Kneipe, denn einen eigenen Fernseher gab es nicht. Später feierte »König Otto« Erfolge, die die Fußballwelt bis heute staunen lassen: große Jahre mit dem SV Werder Bremen, die sensationelle Meisterschaft mit dem 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger und schließlich das Märchen von 2004 – der Europameister-Titel mit Griechenland.

 

Für Rehhagel ist Fußball immer mehr gewesen als Sieg oder Niederlage. Als Aufstieg und Abstieg. Der Fußball kann Brücken bauen, er kann Mauern einreißen, er kann der Weg zurück ins Leben sein.

 

Rehhagel beim Sepp-Herberger-Pokal in Wuppertal

In diesem Jahr besuchte Rehhagel den Sepp-Herberger-Pokal in der JVA Wuppertal-Ronsdorf. Dort spielten männliche und weibliche Inhaftierte wie jedes Jahr das bundesweit größte Fußballturnier hinter Gefängnismauern aus. Bei den Frauen gewann die JVA Köln, bei den Männern die Spielgemeinschaft JVA Herford/Heinsberg. Otto Rehhagel nahm die Siegerehrung vor.

 

»Schauen Sie sich an, mit welcher Freude und mit welcher Leidenschaft die Frauen und Männer dort Fußball spielen«, sagte Rehhagel während des Turniers: »Das zeigt mal wieder eindrucksvoll die Kraft, die der Fußball hat. Wenn der Ball rollt, sind die Sorgen und Nöte, die diese Menschen sicher haben, weit weg. Sie alle haben Fehler gemacht, aber sie haben meiner Meinung nach auch eine zweite Chance verdient. Wichtig ist, dass sie den Willen haben, diese Chance zu nutzen. Das habe ich ihnen in den Gesprächen auch immer wieder mit auf den Weg gegeben.«

 

Rehhagel betonte auch den gesellschaftlichen Wert des Fußballs: »Ich sehe den Fußball als Ventil. Hier können sich die Gefangenen auspowern. Beim Fußball lernen sie, sich an Regeln zu halten und sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, Teil eines Teams zu sein. Und der Fußball ist ein hervorragendes Mittel im Zuge der Resozialisierung. Sepp Herberger hat das früh erkannt. Er war 1970 erstmals in einer Haftanstalt zu Besuch. In der Stiftung stehen wir in dieser Tradition und setzen zusammen mit unseren Partnern sein Wirken fort.«

 

Nachwuchsspieler der Profiklubs besuchen Strafgefangene

Neben Rehhagel engagieren sich viele weitere Persönlichkeiten und Institutionen für die Resozialisierung. Im Rahmen der Initiative »Anstoß für ein neues Leben« besuchten 2025 Mannschaften aus den Nachwuchszentren von RB Leipzig, dem 1.FC Kaiserslautern und dem 1.FC Nürnberg Justizeinrichtungen in ganz Deutschland.

 

Patrik Maaß, Pädagogischer Leiter des Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Kaiserslautern, betonte: »Die Begegnungen waren sehr wertvoll für die Persönlichkeitsentwicklung unserer Nachwuchsfußballer. Der respektvolle Austausch untereinander auf Augenhöhe hat mich sehr gefreut. Beim Fußballspiel waren alle gleich. Die verbindende Kraft des Fußballs war hier spürbar.«

 

Besonders intensiv verlief der Austausch der U19 von RB Leipzig im Seehaus Leipzig, wo junge Strafgefangene im freien Vollzug in Wohngemeinschaften leben. Neben Gesprächen standen gemeinschaftliche Aktivitäten auf dem Programm, wie beispielsweise ein gemeinsames Fußballspiel, Kayakfahren auf dem See, Klettern und ein gemeinsamer Grillabend.

 

Auch die U17 des 1. FC Nürnberg verbrachte einen Tag mit jugendlichen Inhaftierten in der JVA Ebrach. Bei einer Trainingseinheit und einer gemeinsamen Mahlzeit entstanden persönliche Gespräche. Jürgen Pfau, Vizepräsident des Bayerischen Fußball-Verbandes, begleitete den Termin und ermunterte die Strafgefangenen dazu, sich nach der Freilassung einem Verein anzuschließen: »Es ist wichtig, nach der Inhaftierung ein neues Umfeld aufzubauen. In Fußballvereinen könnt ihr Gemeinschaft erfahren und neue soziale Kontakte knüpfen.«

 

Jens Nowotny sieht den Fußball als Brücke

Ex-Nationalspieler Jens Nowotny ist regelmäßig für die DFB-Stiftung Sepp Herberger in Haftanstalten unterwegs. 2025 besuchte er das Sportfest der JVA Dieburg und später die JVA Butzbach. »Fußball dient hier als Brücke, um neue Perspektiven zu eröffnen«, betonte Nowotny in einer Gesprächsrunde mit den Inhaftierten.

 

Resozialisierung – die älteste Säule der Stiftung

Das Engagement der DFB-Stiftung Sepp Herberger im Bereich Resozialisierung ist die älteste Säule der Stiftungsarbeit. Seit 2008 liegt der Schwerpunkt mit der Initiative »Anstoß für ein neues Leben« insbesondere im Bereich des Jugendstrafvollzugs. Die Stiftung führt damit sichtbar und wirksam fort, was Sepp Herberger vor 56 Jahren begann: Menschen hinter Gefängnismauern zu stärken und zu unterstützen – durch Fußball, Begegnung und Verantwortung.

 

 

»Aber vor allem ist es mir ein Anliegen, den Inhaftierten Mut und Zuversicht für ihren weiteren Lebensweg zu geben.«

ULI BOROWKA

 

 

»Den Inhaftierten Mut und Zuversicht geben«

Uli Borowka war Nationalspieler, deutscher Meister, DFB-Pokalsieger und Europapokalsieger mit Werder Bremen. Dann folgte der Absturz: Nach dem Karriereende kämpfte der heute 63-Jährige mit einer schweren Alkoholabhängigkeit, lebte zeitweise auf der Straße und überlebte einen Suizidversuch. Für die DFB-Stiftung Sepp Herberger besucht Borowka seit zwei Jahren regelmäßig Justizvollzugsanstalten und spricht dort mit Inhaftierten über seinen Weg aus der Sucht. Zuletzt war er unter anderem in der JVA Adelsheim, der JVA Zweibrücken und der JVA Neuburg-Herrenwörth zu Gast. Warum sind ihm diese Begegnungen wichtig – und was kann er den Menschen in Haft mitgeben?

 

Uli Borowka, warum sind Sie regelmäßig für die DFB-Stiftung Sepp Herberger in Haftanstalten, um sich dort mit Inhaftierten auszutauschen?

Uli Borowka: Meine eigene Lebensgeschichte ist hier sicher ein wichtiger Grund. Ich habe auch einiges auf dem Kerbholz und stand selbst kurz davor, ins Gefängnis zu kommen. Inzwischen ist es für mich zu einer Herzensangelegenheit geworden, die Sepp-Herberger-Stiftung an dieser Stelle zu unterstützen. Aber vor allem ist es mir ein Anliegen, den Inhaftierten Mut und Zuversicht für ihren weiteren Lebensweg zu geben. Alle haben Fehler gemacht, ich selbst auch. Jede und jeder hat eine zweite Chance verdient. Ich habe sie genutzt. Ich möchte die Inhaftierten ermutigen, ebenfalls diese Möglichkeit zu nutzen. Sie ist vielleicht einmalig. Man darf sein Leben nicht leichtfertig wegwerfen. Man hat nur dieses eine.

 

Warum waren Sie selbst kurz davor, ins Gefängnis zu kommen?

In meiner Akte war einiges vermerkt – Einbruch, Diebstahl, Hausfriedensbruch, häusliche Gewalt und Körperverletzung. Dann stand ich eines Tages vor dem Richter und es ging nur noch darum, ob er den Daumen senkt oder hebt. Wenn es schlecht gelaufen wäre, wäre ich weg gewesen. Für mindestens anderthalb Jahre. Aber ich hatte Glück und ich habe eine neue Chance bekommen. In dem Moment habe ich gemerkt, dass es nicht fünf vor zwölf ist, sondern fünf nach zwölf. Das war der Augenblick, als mir klar wurde, dass ich zurück ins Leben und noch einiges erreichen möchte.

 

Sehen Sie bei den Menschen in den Gefängnissen Parallelen zu Ihrer eigenen Lebensgeschichte?

Ja, natürlich. Die meisten kennen mich dort nicht. Dafür sind sie zu jung und ich bin zu alt. Aber wenn wir ins Gespräch kommen, merken sie, dass ich authentisch bin und dass ich ihnen vielleicht etwas mitgeben kann. Einige sagen mir nachher, dass sie sich in der Gefängnisbibliothek mein Buch ausleihen wollen. Wenn das wirklich so ist, haben wir schon viel erreicht.

 

Können Sie ein Puzzleteil sein, um den Menschen den Weg zurück ins Leben zu zeigen?

Das hoffe ich. Ich kann zumindest dem einen oder der anderen einen Anstoß geben. Was sie dann daraus machen, liegt nicht mehr in meiner Hand. Meine Vita zeigt das ja: Ich war als Fußballer ganz oben. Ich war Nationalspieler und deutscher Meister. Ich habe Millionen verdient. Ich hatte viele Freunde. Aber dann war ich plötzlich ziemlich schnell ganz unten. Ich habe unter der Brücke gelebt und war pleite. Ich hatte Schulden im sechsstelligen Bereich. Niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben. Aber ich habe nicht aufgegeben und habe mich zurückgekämpft. 

 

Sie sagen, dass es für Sie sehr schnell nach unten ging. Wie lang war der Weg zurück?

Wahnsinnig lang, anstrengend und mühselig. Und er ist niemals zu Ende. Das versuche ich auch immer zu vermitteln. Ich zeige auf, wie ich es geschafft habe. Und dass es sich lohnt. 

 

Was braucht man, um es zu schaffen?

Vor allem den Willen dazu. Und gute Freunde, die einen auch in schweren Zeiten unterstützen. Man darf sich nicht zu schade sein, um Hilfe zu bitten. Allein ist es kaum möglich. Es werden einem viele Knüppel zwischen die Beine geworfen, weil man auf eine bestimmte Art und Weise gebrandmarkt ist. Das gehört auch zur Wahrheit dazu.

 

Sie waren einer der besten Fußballer in Deutschland – und gleichzeitig schwerer Alkoholiker. Wie passt das zusammen?

Ich war nicht nur fast 20 Jahre Alkoholiker, sondern gleichzeitig auch noch medikamentenabhängig und spielsüchtig. Das volle Programm. Ich bin sehr froh, dass ich keine organischen Schäden mitgenommen habe. Trotz allem habe ich immer meine Leistung gebracht. Da das der Fall war, war es auch kein Problem, wenn ich einmal in der Woche betrunken vom Stuhl gefallen bin. Zumindest in einer Hinsicht war ich vernünftig: Wenn wir samstags ein Spiel hatten, habe ich mich freitags mit dem Alkohol zurückgehalten. Dafür habe ich dann nach dem Schlusspfiff Vollgas gegeben und bis montags durchgesoffen. Das war das Belohnungsprinzip. Das ist das typische Verhalten eines Suchtkranken.

 

Was hat Ihnen die Sucht genommen?

Alles. Meine Familie, meine Kinder, meine Freunde, mein Geld, mein Leben. Der Alkohol hat mir ganz, ganz viel genommen. Ich habe zu Hause in meiner leeren Bude auf einer vollgekotzten Matratze gelegen und habe versucht, mich umzubringen. Das war einerseits natürlich eine brutale Zeit und mein totaler Tiefpunkt. Andererseits habe ich dadurch auch unglaublich viel gelernt. Und dieses Wissen gebe ich jetzt in meinen Vorträgen weiter. Wenn ich damit einigen Menschen den Weg aus der Sucht zeigen kann, dann habe ich sehr viel erreicht. Meine Erkenntnis ist: Mit Verboten erreichen wir nichts. Wir müssen ins Gespräch kommen – vor allem mit den Jugendlichen. Das ist ein ganz entscheidender Hebel im Kampf gegen die Sucht. Genau deshalb unterstütze ich die Initiative »Anstoß für ein neues Leben« der Sepp-Herberger-Stiftung.

 

Haben Sie heutzutage tatsächlich gar kein Verlangen mehr nach Alkohol?

Nein, davon bin ich weg. Aber auch, weil mir sehr bewusst ist, dass ich extrem gefährdet bin, bis an mein Lebensende. Jeder Schluck Alkohol kann für mich gravierende Folgen haben. Diese Krankheit ist kein Schnupfen, der wieder weggeht. Am Ende der Sucht steht meistens der Tod. Ich habe zum Glück gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft. Aber es war verdammt knapp.

 

Kann der Fußball – speziell der Breitenfußball – auch eine Möglichkeit sein, nach einem Suchtentzug oder nach einem Haftaufenthalt die Rückkehr in die Gesellschaft zu schaffen? 

Es gibt nichts Besseres als Mannschaftssport im richtigen Umfeld. Auch hier nimmt die Sepp-Herberger-Stiftung mit der Initiative »Anstoß für ein neues Leben« eine Vorreiterrolle ein. Junge Inhaftierte, die kurz vor ihrer Entlassung stehen, werden über den Fußball resozialisiert oder manchmal auch überhaupt erst sozialisiert. Besser geht es nicht. Im Mannschaftssport geht es nicht nur um das Gewinnen oder Verlieren. Es geht auch darum, sich an Regeln zu halten, um Fairness und darum, sich in einer Gruppe zu integrieren. Das ist der Weg, den die Inhaftierten meiner Meinung nach unbedingt gehen sollten. Wir können beim Anstoß dabei sein, aber das Spiel müssen sie selbst machen – und gewinnen.