Interview
»Fußball löst keine globalen Krisen – aber er kann Kräfte freisetzen.«
Fünf Jahre war Joachim Gauck Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Mit seinem Abschied aus dem höchsten Staatsamt im Jahr 2017 engagierte er sich weiter aktiv für Demokratie, Freiheit und bürgerschaftliches Engagement. Der Theologe und Bürgerrechtler begann seine politische Laufbahn in der DDR, bevor er nach der Wiedervereinigung unter anderem als Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR wirkte. Beim Berlin‑Forum der Stiftung der Nationalmannschaft 2025 setzte er ein starkes Zeichen für das gesellschaftliche Engagement junger Menschen. Im Gespräch mit den DFB-Stiftungen spricht Joachim Gauck über die Rolle des Sports, die Bedeutung von Engagement für die Demokratie und seine Perspektiven auf die Beteiligung der jüngeren Generation.
Herr Bundespräsident a. D. Gauck, sind junge Menschen in dieser herausfordernden Zeit mit ihren vielen internationalen Krisen und gesellschaftlichen Veränderungen nach wie vor bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren?
Joachim Gauck: Viele junge Menschen erleben die Gegenwart als eine Zeit der Zumutungen – Klimawandel, Kriege, gesellschaftliche Spannungen. Und doch begegnen mir immer wieder junge Menschen, die sich nicht nur fragen: »Was bringt mir das?«, sondern: »Was kann ich beitragen?« Dieses Ja zur Verantwortung, das habe ich auch beim Berlin-Forum der Stiftung der Nationalmannschaft gespürt.
»Demokratie lebt nicht nur von Institutionen, sondern von Menschen, die sagen: Ich setze mich ein für Fairness, ich engagiere mich für meine Mitmenschen.«
Sie haben beim Berlin-Forum der Stiftung der Nationalmannschaft betont, wie wichtig eine »vorpolitische Haltung« für das Gemeinwesen ist. Was genau meinen Sie damit? Und haben Sie diese Haltung gespürt oder gab es etwas anderes, das Sie nach den dortigen Begegnungen in besonderer Erinnerung behalten haben?
Genauer gesagt habe ich vom vorpolitischen Raum gesprochen, in dem wir mit unserer Haltung aktiv werden können. Ich meine die innere Bereitschaft, sich zu engagieren, sich einzumischen, hinzuschauen – bevor es um ein politisches Amt geht. Demokratie lebt nicht nur von Institutionen, sondern von Menschen, die sagen: Ich setze mich ein für Fairness, ich engagiere mich für meine Mitmenschen. Bei den Begegnungen in Berlin habe ich diese Haltung deutlich gespürt.
Die DFB-Stiftungen fördern Engagement insbesondere über sportliche Strukturen. Was kann der Sport Ihrer Ansicht nach für den Zusammenhalt in einer demokratischen Gesellschaft leisten?
Sport schafft etwas, das Politik allein nicht kann: Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Auf dem Platz interessiert nicht Herkunft, Religion oder sozialer Hintergrund, sondern Teamgeist und Leistungsbereitschaft. Sport macht erfahrbar, was eine Demokratie braucht: Regeln, Respekt, aber auch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten. Und nicht zu vergessen: Ohne den Willen zum Erfolg und ohne eigene Leistung geht gar nichts.
Haben Sie selbst eine besondere Beziehung zum Sport, vielleicht sogar einen Lieblingsverein oder ein Stadionerlebnis, das Ihnen unvergesslich ist?
Sport war für mich immer ein Raum der Lebendigkeit – selbst in der Enge der DDR. Einen Lieblingsverein möchte ich nicht nennen, aber ich habe einige besondere Momente in Stadien erlebt. Unvergesslich natürlich das WM-Finale in Brasilien 2014. Zusammen mit Bundeskanzlerin Merkel konnte ich nach dem Spiel in der Kabine unsere Mannschaft beglückwünschen.
In Ihrem Appell »Glaubt ans Gelingen!« steckt viel Optimismus. Welche Entwicklungen machen Ihnen persönlich Hoffnung, wenn Sie auf die junge Generation schauen?
Ich sehe Neugier, Verantwortungsbereitschaft und eine wachsende Sensibilität für ein Miteinander. Und: Junge Menschen vernetzen sich, unterstützen einander – häufig jenseits traditioneller Strukturen. Diese Fähigkeit, Gemeinschaft neu zu denken, macht mich zuversichtlich.
Sie haben sehr intensiv die gesellschaftlichen Herausforderungen nach der Wiedervereinigung erlebt. Welche Rolle hat der Fußball beim Zusammenwachsen von Ost und West gespielt?
Nach der Wiedervereinigung konnten sich Ost- und Westdeutsche beim Fußball auf Augenhöhe begegnen. Gemeinsames Mitfiebern, gemeinsame Helden, gemeinsame Enttäuschungen – das schafft Nähe. Fußball hat uns erlaubt, nicht nur politisch, sondern emotional zusammenzuwachsen. Die ersten gesamtdeutschen Mannschaften, die Duelle Ost gegen West im Vereinsfußball – all das war Teil eines Dialogs, der weit über 90 Minuten hinausreichte.
Egidius Braun hat als Namensgeber der DFB-Stiftung Egidius Braun immer betont, dass der Fußball Kräfte freisetzen kann und eben mehr als ein 1:0 ist. Kann der Deutschen liebstes Hobby erneut helfen, Hürden zu überwinden und die großen Probleme unserer Zeit zu lösen?
Fußball löst keine globalen Krisen – aber er kann Kräfte freisetzen, die wir für diese Krisen dringend brauchen: Vertrauen, Solidarität, Mut. Wenn Menschen gemeinsam spielen, trauern und jubeln, dann entsteht ein Gefühl: Wir gehören zusammen. In einer Zeit voller Spaltungen kann der Fußball Räume schaffen, in denen wir uns neu begegnen. Und manchmal sind es genau diese Erfahrungen, aus denen später gesellschaftliche Lösungen erwachsen.