Leuchtturm/DFB-Kulturstiftung

Erinnern, Gedenken, Vorleben

Eva Szepesi hat als Mädchen die Schoah überlebt. Beim Internationalen Walther Bensemann Gedächtnisturnier in Frankfurt am Main hat sie als Zeitzeugin mit jungen Fußballern über erlebtes Leid, vor allem aber über ihre Verantwortung für die Zukunft gesprochen.

 

Auf ihrem Unterarm trägt Eva Szepesi eine Tätowierung. A-26877, ein Buchstabe, ein Strich, fünf Ziffern. In ihre Haut und ihre Erinnerung hat sich eingebrannt, was undenkbar ist, unvorstellbar. Eva Szepesi durchlitt als Mädchen das Vernichtungslager Auschwitz, entmenschlicht als bloße Nummer, gepeinigt, bestimmt für den Tod. Als das Lager von der Roten Armee befreit wurde, lag sie in einer Baracke. Die Aufseher hatten das entkräftete und fiebernde Mädchen zurückgelassen, als sie die anderen Häftlinge auf die »Todesmärsche« Richtung Westen geschickt hatten. »Niemand kümmerte sich um uns Zurückgebliebene. Die Toten wurden nicht begraben, die Todkranken sich selbst überlassen. Wir hatten weder etwas zu essen noch zu trinken. Keiner war in der Lage, aufzustehen und etwas zu besorgen. Ich träumte von Wassersuppe und altem Brot, bis mein Dämmerzustand in Bewusstlosigkeit überging«, erzählt Eva Szepesi aus der Sicht des zwölf Jahre alten Mädchens, das sie damals war. Als sie wieder zu sich kam, führte ein russischer Soldat Schnee an ihren Mund und stillte so ihren Durst. Es war der 27. Januar 1945. Und sie war am Leben.

 

Heute, am 5. September 2025, sitzt Eva Szepesi vor Jugendlichen, die ihre Urenkel sein könnten, im Pressekonferenzraum des DFB-Campus in Frankfurt am Main. Neben ihr ihre Tochter Anita Schwarz, vor ihr die U17-Mannschaft des 1. FSV Mainz 05, die an diesem beginnenden Wochenende am Internationalen Walther Bensemann Gedächtnisturnier teilnehmen wird, benannt nach dem fußballbegeisterten Bankierssohn (1874 – 1934). Wie Eva Szepesi war er Jude – und gilt heute als wichtigster Pionier des deutschen Fußballs. Am 28. Januar 1900 gab er bei der Gründungsversammlung des Deutschen Fußball-Bundes in Leipzig dem DFB als einer der Gründungsväter seinen bis heute gültigen Namen. Bereits zuvor hatte er die sogenannten »Ur-Länderspiele« – internationale Auswahlbegegnungen gegen französische und englische Teams – organisiert und war an der Gründung zahlreicher Traditionsvereine beteiligt. 1920 gründete er das Fußballmagazin Kicker. Als Intellektueller, Kosmopolit und sportlicher Visionär stand Bensemann in seiner Zeit als unermüdlicher Vorkämpfer für ein weltoffenes, internationales Spiel. Nach der Flucht aus NS-Deutschland starb er 1934 im Schweizer Exil.

 

 

»Ich war mal im KZ Buchenwald und habe da auch schon vieles erfahren, aber ein Gespräch mit einer Zeitzeugin hatte ich noch nicht erlebt. Es ist sehr wichtig, über dieses Thema zu sprechen und dass Menschen an diese Zeit erinnern und darüber aufklären.«

FYNN WOMBACHER, MITTELFELDSPIELER, U17, 1. FSV MAINZ 05

 

 

Das traditionsreiche Turnier – 1934 von IOC-Mitglied Albert Mayer und FIFA-Generalsekretär Dr. Ivo Schricker initiiert – gilt als das älteste Jugendfußballturnier Europas. Seit der ersten Austragung 1937 steht es für internationalen Austausch, sportliche Fairness und gesellschaftliche Verantwortung. Aus Anlass seines 125. Jubiläums beschloss der DFB gemeinsam mit der DFB-Kulturstiftung und MAKKABI Deutschland sowie in Kooperation mit der Initiative »!NieWieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball« die 33. Auflage des Turniers am DFB-Campus in Frankfurt auszurichten.

 

Für die 120 teilnehmenden Spieler aus sechs regionalen und internationalen Vereinen – neben dem 1.FSV Mainz 05 noch Eintracht Frankfurt, Kickers Offenbach, FSV Frankfurt, SK Slavia Prag und Maccabi Tel Aviv – stand dabei nicht nur der Fußball im Vordergrund. Am ersten Turniertag rollte kein Ball am DFB-Campus. Er stand ganz im Zeichen eines intensiven, von der Initiative »Zusammen1«, der DFB-Kulturstiftung und weiteren Organisationen gestalteten Bildungsprogramms mit Zeitzeugengesprächen, interaktiven Workshops und Austauschformaten zu Themen wie Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung. Neben Eva Szepesi waren nicht weniger als acht Überlebende des Holocaust beziehungsweise ihre Nachkommen zu Gast am DFB-Campus, um mit den Spielern, Trainern und Betreuern der Mannschaften ins Gespräch zu kommen und eine unmissverständliche Botschaft des »Nie wieder!« zu Faschismus und Krieg zu setzen. In Vorträgen, Gesprächen und Workshops wurde über Vielfalt, Toleranz und Antidiskriminierung gesprochen, abends ging es zum Kabbalat Schabbat in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt.

 

Dort lebt seit gut 70 Jahren auch Eva Szepesi. Ihr Mann hatte hier, im Land der Täter, eine Anstellung bekommen. Schicksal sei das, sagt sie. »Es war nicht geplant, es war nicht gewollt, es ist aber so gekommen.« Sie habe Angst gehabt, aber hassen könne sie nicht, dafür habe sie als Kind zu viel Liebe erfahren. In dem Deutschland, in das sie Mitte der 50er-Jahre kam, war von Auseinandersetzung, von Aufarbeitung, gar von Schuld noch nicht die Rede. Dafür gab es die immer gleichen Reaktionen. Wenn jemand erfahren habe, dass sie Jüdin sei, habe es gleich geheißen: »Meine Familie wusste nichts davon.« Zu Anfang, sagt Eva Szepesi, sei sie, wenn ihr auf der Straße ein Mann mit Stiefeln und Hund begegnet sei, panisch auf die andere Straßenseite gewechselt. »Es war ein Gefühl, das ich mir erst selbst nicht erklären konnte. Es war dann wie damals mit den Peitschen und den Stiefeln.« Wie damals im Lager.

 

 

»Es wurde darüber nicht gesprochen. Ihre Nummer auf dem Arm war für mich selbstverständlich, die gehörte zu meiner Mutter, aber die Schwere war immer da und die toten Verwandten, die waren auch immer mit uns.«

ANITA SCHWARZ, TOCHTER VON EVA SZEPESI

 

 

Eva Szepesi hat lange nicht reden können über das, was ihr angetan wurde. Über die zunehmende Ausgrenzung, die Freunde, die zu Feinden wurden, die Flucht aus ihrer ungarischen Heimat in die Slowakei, die Trennung von ihrer Familie, die Entdeckung durch die Nationalsozialisten, die Deportation nach Auschwitz, die Selektion an der Rampe und die grausamen Bedingungen dort, über den Verlust der Eltern und des Bruders. Welche Worte wollten das Unsagbare beschreiben und welche Bilder das Trauma des Erlebten hervorrufen? »Es wurde darüber nicht gesprochen«, sagt Anita Schwarz. »Ihre Nummer auf dem Arm war für mich selbstverständlich, die gehörte zu meiner Mutter, aber die Schwere war immer da und die toten Verwandten, die waren auch immer mit uns.« Erst, als sie aus Anlass des 50. Jahrestags der Befreiung gemeinsam mit ihren Töchtern Auschwitz besuchte, begann Eva Szepesi ihre Geschichte aufzuschreiben, zu erzählen und zu teilen, sehr oft mit jungen Menschen. Sie spricht nun für die, die nicht mehr sprechen können. Es ist ihr zur Lebensaufgabe geworden.

 

Nach den Terrorangriffen der Hamas auf Ziele in Israel am 7. Oktober 2023 wurde sie von Veranstaltungen ausgeladen, weil man nicht für ihre Sicherheit habe garantieren können. Andere fanden unter Polizeischutz statt. Dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel nun auch in Deutschland wieder Angst haben müssen, schmerzt sie. »Meine Mutter wollte schon aufhören, in die Schulen zu gehen, weil sie gesagt hat, das bringt sowieso nichts«, sagt Anita Schwarz. »Und dann hat sie irgendwann wieder die Kraft gefunden und gesagt: Nein, wir machen weiter. Wenn ich nur einen erreiche, dann hat es sich schon gelohnt.« Am Ende von Vortrag und Diskussion blickt Eva Szepesi in die Gesichter der jungen Fußballer vor ihr. »Ihr tragt keine Schuld an dem, was damals passiert ist«, sagt sie. »Ihr habt nur die Verantwortung für die Zukunft. Dafür, dass ihr oder eure Kinder so etwas Schlimmes niemals erleben.«

 

Marc Heidenmann, der Trainer der Mainzer U17, hat die Veranstaltung schweigend und aufmerksam verfolgt. »Mich hat sehr interessiert, wie sie auf die Menschen blickt, die ihr das angetan und die diese schrecklichen Taten begangen haben«, sagt er. »Ich spüre bei ihr so viel Herzlichkeit und Vergebung und zugleich so wenig Wut und Hass.« Er wünscht sich, dass die Worte und die Botschaften Eva Szepesis bei seinen Spielern Wirkung erzeugen, dass sie etwas machen mit ihnen. Fynn Wombacher spielt bei Mainz im Mittelfeld. »Ich war mal im KZ Buchenwald und habe da auch schon vieles erfahren, aber ein Gespräch mit einer Zeitzeugin hatte ich noch nicht erlebt. Ich fand es sehr interessant«, sagt er. »Es ist sehr wichtig, über dieses Thema zu sprechen und dass Menschen an diese Zeit erinnern und darüber aufklären.« Menschen wie Eva Szepesi. 

 

Internationales Walther Bensemann Gedächtnisturnier 2025

Ort/Zeit: 5.–7. September 2025 am DFB-Campus, Frankfurt/Main

Gegründet: 1937 (33. Austragung)

Veranstalter: Deutscher Fußball-Bund, DFB-Kulturstiftung, MAKKABI Deutschland, !Nie Wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball

Förderer: UEFA, Deutsche Fußball Liga (DFL), Stiftung Erinnerung

Teilnehmer: Eintracht Frankfurt, FSV Frankfurt, 1.FSV Mainz 05, Kickers Offenbach, SK Slavia Prag, Maccabi Tel Aviv

Sieger: SK Slavia Prag (5:2-Finalsieg gegen Kickers Offenbach)

Bester Spieler: David Orei (1. FSV Mainz 05)

Bester Torwart: Drorel Aviman (Maccabi Tel Aviv)

Bester Torschütze: Arno Prochaska (SK Slavia Prag, fünf Treffer)

Web: https://bensemann-cup.eu/