DHZ 12/2015 - page 5

17
DEUTSCHE
HEBAMMEN
ZEITSCHRIFT 12/2015
Geburt aus Beckenendlage
| Thema
N
ur fünf Prozent aller Kinder lie-
gen zum Zeitpunkt ihrer Geburt
noch in Beckenendlage (BEL). Die
weitaus meisten dieser Kinder werden
durch eine geplante Sectio vor Termin
geboren. Seit Jahren bekommen kons-
tant etwa ein Drittel aller Mütter einen
Kaiserschnitt, dabei begründen Indikati-
onen wie Verdacht auf Makrosomie, Ver-
dacht auf relatives Missverhältnis, hoher
Geradstand, protrahierte Geburt und
natürlich Zustand nach Sectio weitaus
häufiger die Entscheidung zum Kaiser-
schnitt als eine BEL. All dies wird nicht
so stark thematisiert wie das angemesse-
ne geburtshilfliche Vorgehen bei einer
BEL.
Eine Frage der Haltung
Es mag erstaunen, dass wir gerade
dem Thema Geburt aus BEL so beständig
unsere Aufmerksamkeit widmen. Das
erinnert ein wenig an die Hausgeburts-
diskussion, an der sich auch die Gemü-
ter erhitzen, obgleich einerseits der An-
teil an zu Hause geborenen Kindern in
Deutschland mit circa zwei Prozent ge-
ring ist und es andererseits Evidenz da-
für gibt, dass die Hausgeburt eine sichere
Alternative zur Klinikgeburt ist. Unsere
grundsätzliche Einstellung zur Spontan-
geburt aus BEL wie auch zur außerklini-
schen Geburtshilfe sagt etwas aus über
unsere Haltung als GeburtshelferInnen.
Da geht es nicht nur um sachliche Be-
trachtungen, sondern um Weltanschau-
ung, um Ideologie.
In der Ausbildung junger ÄrztInnen
und – soweit ich das überblicke – auch
in der heutigen Hebammenausbildung,
wird Geburt vom Risikoaspekt her ge-
lehrt und mit ihrem Potenzial für Pa-
thologie betrachtet. In ihrer klinischen
Tätigkeit haben ÄrztInnen kaum je die
Möglichkeit, physiologische Geburtsver-
läufe in all ihrer Vielfalt und von Anfang
bis Ende zu begleiten. Auch für Hebam-
men ist es schwerer geworden, sich dazu
einen Erfahrungsschatz zu erwerben.
Nur der kleinste Teil der Vaginalgeburten
verläuft tatsächlich ohne Interventionen.
Und besonderen Geburten, wie Zwillinge,
BEL und Geburten im Zustand nach Sec-
tio, wird gar kein Raum mehr gegeben.
Der Kaiserschnitt gilt als eine für Mutter
und Kind risikoarme Routineinterventi-
on, die uns die Kontrolle über die Geburt
und maximale Sicherheit für Mutter und
Kind verspricht.
Aus diesem Blickwinkel erscheint das
Anstreben einer Spontangeburt aus BEL
bestenfalls als ein unkalkulierbares Ri-
siko, wenn nicht gar als unvertretbarer
Leichtsinn.
Pathologie ist die Ausnahme
Es ist wichtig und richtig, dass wir
über pathologische Verläufe gut Bescheid
wissen. Es ist unabdingbar, die Zusam-
menhänge so gut zu kennen, dass wir
kritische Situationen antizipieren und
möglichst verhindern. Wir müssen für
die Notsituationen gut ausgebildet und
gewappnet sein. Bei all dem dürfen wir
aber nicht aus den Augen verlieren, dass
das Normale normal und das Häufige
häufig ist. Eigentlich darf man bei einer
Geburt zunächst davon ausgehen, dass
sie auf normalemWege (das Häufige) und
ohne Interventionen (das Normale) ver-
läuft. Die Pathologie ist die Ausnahme,
Notsituationen sind selten.
Gut aufgeklärte
Eltern, Zeit für die
Geburt, möglichst
wenig Eingriffe
und eine aufrechte
Geburtsposition sind
die besten Voraus-
setzungen für eine
gesunde Geburt aus
Beckenendlage.
Beckenendlagengeburten
Perfekte Choreografie
Am Evangelischen Diakoniekrankenhaus in Freiburg hat das
geburtshilfliche Team das Wissen und die Fertigkeiten um die
vaginale Beckenendlagengeburt seit 2000 wiederbelebt.
Zum gemeinsamen Konsens gehört auch, die Eltern umfassend und
ergebnisoffen aufzuklären. Die Kriterien, unter denen eine Geburt
aus Beckenendlage (BEL) möglich ist, wurden genau festgelegt.
Vorbehalte und Ideologien zählen nicht.
> Bärbel Basters-Hoffmann
Die Autorin
Dr. Bärbel Basters-Hoffmann
war von 1998 bis September
2015 geburtshilfliche Ober-
ärztin am Evangelischen Dia-
koniekrankenhaus Freiburg.
In dieser Zeit wurde die In-
tegrative Wochenbettpflege
eingeführt, eine Elternschule
gegründet, der Expertinnen-
standard zur physiologischen
Geburt umgesetzt und die
Klinik als Baby-friendly Hos-
pital (BFH) zertifiziert. Seit
kurzem ist sie Oberärztin in
Lörrach am Perinatalzentrum
Level I. Sie ist Mutter von
sechs Kindern.
Kontakt: b.basters-
1,2,3,4 6,7,8
Powered by FlippingBook